Verletzungen des Iliopsoas Muskels beim Hund

Verletzung des Iliopsoas Muskels beim Hund

Imke Niewöhner, Tierärztin, Schwerpunkt Chiropraktik und Osteopathie

www.tier-chiropraktik.com

Iliopsoas Verletzungen sind sehr häufig bei Sporthunden, werden jedoch häufig nicht erkannt oder fehldiagnostiziert. Bei schnellen Wendungen, schnellen Antritten und Sprüngen wird der sogenannte Iliopsoas Muskel stark belastet und es kann zu Zerrungen dieses Muskels kommen. Besonders gefährdet sind dabei Hunde, die eher sporadisch aktiv sind, schlecht trainiert oder ungenügend aufgewärmt sind.

In neueren Studien zeigte sich, dass die Hauptgefährdung der Muskelfasen nicht durch das Aus- oder Wegrutschen an sich (z.B. auf glatten Böden mit einem oder beiden Beinen rutschen, auf dem Steg daneben treten etc.) entsteht. Die Fasern des Muskels neben den größten Schaden durch die automatisch erfolgende „Korrektur“ des Körpers, also in dem Augenblick, wo der Muskel sich nach der Überdehnung wieder kontrahiert (anspannt).

Anatomie

Der sog. Iliopsoas Muskel besteht eigentlich aus 2 Muskeln: dem Musculus Iliacus und dem Musculus Psoas Major. Der Psoas Muskel entspringt an der Unterseite der Lendenwirbel und läuft durch das Becken an die Innenseite des Oberschenkels. Der Iliacus Muskel entspring an der Darmbeininnenseite und zieht ebenfalls an die Innenseite des Oberschenkels. Hier finden beide Muskeln einen gemeinsamen Ansatz.

ioliopsoas

Hauptfunktion des M. iliopsoas ist das Beugen der Hüfte und unteren Rückens (aufwölben). Außerdem dreht er den Oberschenkel nach außen (Hüft-Außenrotation), führt das Bein nach vorne und stabilisiert das Becken und den unteren Rücken (neben anderen Muskeln).

Der Nervus femoralis läuft beim Hund durch diese Muskelgruppe hindurch, was leider bei Verspannungen und sogenannten Triggerpunkten in diesem Muskel zu massiven Problemen führen kann.

Dieser Nerv innerviert nämlich unter anderem den Oberschenkelstrecker. Bei schlechterer Reizleitung aufgrund von Iliopsoasproblemen kommt es deshalb mittel- bis langfristig zu Knie-Instabilität, die oftmals sogar Kreuzband An- oder Komplettrisse zur Folge haben können.

Risikofaktoren

Alle schnellen, explosiven Sportarten stellen eine gewisse Gefahr für diesen Muskel dar. Agility, Flyball, rauhes Spiel, Apport über die Wand oder hohe Hürden, ausrutschen auf glattem Grund  und viele mehr.  Dies wird aber meist erst dann zu einem Problem, wenn ein ungünstiger Körperbau, hohes Gewicht, Übertraining, Ermüdung und/oder Wirbelblockaden und die damit verbundene schlechtere Ansteuerung der Muskulatur als Risikofaktoren hinzukommen. Gerade „Hundesport just for fun“ wird hier oft zu einem „Vergnügen“ mit Folgen, wenn ein untrainierter Hund  gedankenlos sportlich „bespaßt“ wird.

Auch extreme Körperhaltungen in der Fußarbeit mit extremer Überstreckung des Kopfes und gleichzeitigem „Untertreten“ stellt ein hohes Risiko für Muskelverspannungen in diesem Bereich dar.

Natürlich stellen Verletzungen oder degenerative Erkrankungen der Wirbelsäule einen Risikofaktor dar, da der Hund die komplette Muskulatur der unteren Wirbelsäule anspannt, diese sich verspannt und damit eine erhöhte und schmerzhafte Muskelspannung auftritt.

Die Nähe des Iliopsoas Muskels zu anderen Strukturen macht ihn leider sehr anfällig. Die oberen Pfeiler des Zwerchfells kommen aus demselben Ursprungsgebiet wie der M. Psoas und somit können Veränderungen aller dem Zwerchfell anliegenden Organe und Strukturen Einfluss auf dessen Spannung haben. Dies macht ihn für uns osteopathisch arbeitende Tierärzte und Therapeuten zu einem wesentlichen Dreh- und Angelpunkt bei der Behandlung.

Hunde mit Zerrungen oder Entzündungsreaktionen sowie massiven Verspannungen im M. iliopsoas zeigen verschiedene Symptome. Probleme beim oder nach dem Aufstehen („steifer“ Gang), verkürzte Schritte der Hinterhand, einige Schritte eventuell sogar ein Gehen auf drei Beinen oder einen anfangs relativ unauffälligen Leistungsabfall. In schweren Fällen lässt sich eine Schwellung fühlen, oftmals zeigt sich der Muskel aber nur schmerzhaft beim direkten Abtasten oder beim Dehnen. Viele Hunde verweigern das Springen oder den Slalom, da das Aufwölben und seitliche biegen der Lendenwirbelsäule stark schmerzhaft ist. Leider zeigt sich aber gerade bei hochmotivierten Hunden im Sport oftmals durch den hohen Adrenalin Pegel ein „kaschieren“ der Symptomatik, wodurch der Besitzer die Verletzung nicht einwandfrei erkennen kann.

Diagnose

Weiterführende Diagnostik ist oft sinnvoll, um andere Erkrankungen ausschließen zu können. Röntgenologisch wäre es optimal, Arthrosen, Frakturen, Knochenveränderungen (Spondylosen, HD, Cauda Equina Syndrom etc.) oder Mineralisierungen der Sehnen auszuschließen. Eventuell zeigen sich in einer Ultraschalluntersuchung Weichteilgewebeverletzungen wie Einblutungen oder ödematöse Veränderungen an Muskeln und Sehnen. Natürlich kann ein MRT optimale Diagnostik liefern, aber ein geübter und geschulter Manualtherapeut kann in den meisten Fällen schon palpatorisch (durch fühlen) und Bewegungsuntersuchung eine Diagnose stellen.

Da die betroffenen Hunde sehr häufig ein Bein nach außen stellen (und dieses auch im Sitzen häufig  versuchen, zu entlasten)  und das Bein nicht oder nur wenig belasten, wird leider sehr häufig die Diagnose Kreuzband An- oder Abriss diagnostiziert. Hier gilt es immer, eine IP Belastung auszuschließen, bevor eine große Knie Operation terminiert wird.

Typisch in der Gangbildanalyse ist eine leichte Außenrotation und kreisende Auswärtsbewegung in der Vorführphase der Hintergliedmaße.

Behandlungsmöglichkeiten

Muskel- und Sehnenverletzungen heilen nur langsam und ohne eine umfassende Behandlung kann es zu Narbengewebebildung, Fibrosen und verringertem Bewegungsspielraum des Muskels kommen. Physiotherape zur Weichteilheilung umfasst vor allem Lasertherapie, passive, später aktive Bewegungsübungen, Ultraschall Behandlungen und Myofasziale Techniken. Hier kann vor allem eine sogenannte Jones Technik (Strain-Counterstrain) helfen, den Muskeltonus zu normalisieren. Nach einer Iliopsoas Verletzung kann mit einer Rehabilitationszeit von mindestens 5-7 Wochen ausgegangen werden. In schweren Fällen ist eine parallele Therapie mit Muskelrelaxantien und NSAIDs (Schmerzmitteln) zu überdenken.

In meiner Praxis behandle ich vor allem mit einer LowLevelLaser Therapie (LLLT) und passiven, bzw. später aktiven Bewegungsübungen gekoppelt mit einer Strain-Counterstrain Technik. Die Lasertherapie ist schmerzlindernd und erhöht die Zellerneuerungsrate- und somit die „Reparatur“ des Gewebes.

Eine Ruhighaltung und nur kontrollierte Bewegungen sollten in der Reha Phase dringend befolgt werden.

Vorbeugende Maßnahmen

Jeder erfahrene Therapeut freut sich über Behandlungserfolge bei Patienten mit Iliopsoas Verletzngen, aber dennoch liegt mein Augenmerk darauf,  Hundehalter aufzuklären, wie das Risiko der Verletzung verringert werden kann. Hier sind folgende Tipps hilfreich:

  1. Aufwärmen

Auch wenn ich im Agilitybereich viele Hundehalter darüber reden höre, sehe ich immer wieder im Training, dass der Hund zum Aufwärmen 2 Hürden springt und oder einfach mit einem Ball herumrennt und dann ins Training geht. Ein gezieltes Traben auf größeren Kreisen, rückwärts gehen, sich drehen, Slalom durch die Beine, Hundekniebeugen,sich verbeugen und kleine, geboge Sprünge sind hier sinnvoller. Und zwar nicht am Anfang der Trainingsstunde, sondern vor jeder kleinen Einheit! Gerade bei kühlen Temperaturen sollte der Hund eingedeckt werden, um die Muskulatur nicht zu extremen Temperaturunterschieden auszusetzen. Im jagdlichen (Dummy) Bereich sieht man leider fast nie ein aufwärmen der Hunde, ich würde mich freuen, wenn ich auch hier wachrütteln kann, denn ein Sprint aus dem Sitzen heraus ist mit kalter Muskulatur ebenso ein Risiko.

Ein manuelles Stretching im Aufwärmen ist nicht zu empfehlen, eher aktive Übungen zur Hüftstreckung, bei der der Hund selbst aktiv die Bewegung durchführt.

Ruhige Stretching Übungen zu Hause, die von einem Therapeuten gezeigt wurden, sind vorsichtig durchgeführt vor allem sinnvoll, um Abweichungen wie Schmerz oder erhöhte Spannungen zu erkennen.

  1. Guter Untergrund

So weit es geht, sollte vor allem der Sport auf rutschigen Untergründen vermieden werden. Sollte der Hund häufiger ausrutschen, ist es empfehlenswert, nach solchen Vorfällen einen Therapeuten aufzusuchen, um Verletzungen auszuschließen, nicht immer zeigt sich hierbei eine deutliche Lahmheit.

Auch im Alltag sollte so oft es geht vermieden werden, dass der Hund ausrutscht. Bei eis- und schneebedeckten  Böden sollte der Hund möglichst nicht in und aus dem Auto springen. Glatte Böden im Haus  stellen vor allem mit nassen Pfoten ein Risiko dar.

  1. Kraft- und Koordinationstraining

Je besser der Körper der Hundes trainiert ist, desto geringer ist sein Verletzungsrisiko. Optimales Gewicht kombiniert mit einem gut trainierten Körperbewusstsein stellt einen guten Schutz dar. 1-2 mal pro Woche einige Kraft- und Koordinationsübungen durchzuführen, die entsprechende Muskelgruppen stärken, macht Spaß und erleichtert dem Hund den Sport!

Einfache Tipps dazu finden sich auf meiner DVD, für fortgeschrittene Teams biete ich spezielle Kurz- Workshops an, in denen weitere Ideen erlernt werden können.

http://www.hundedvd.de/Hunde-DVDs/Fit-auf-4-Pfoten.html

Ich würde außerdem jedem Hundesportler empfehlen, den sportlich aktiven Hund alle 3-6 Monate einem erfahrenen Therapeuten vorzustellen.  Besonders nach Stürzen oder Unfällen sollte nicht einfach davon ausgegangen werden, dass „schon nichts passiert“ ist, nur, weil der Hund nicht lahmt.