Hinterhandwinkelung

Häufig erreichen mich Anfragen, wie der Hund schneller werden könnte, besser springen könnte oder warum er eben nicht tut.

Neben einem guten Training wird dabei oftmals vergessen, dass jedes Individuum auch körperliche (und natürlich psychische!) Vorraussetzungen mitbringt, die eventuell ein individuelles Limit darstellen können.

Dabei soll dieser Artikel weder diffamieren, noch „schlecht reden“, sondern lediglich zeigen, welche Folgen eventuelle individuelle „Bauarten“ der Hinterhand jeweils haben können.

Um die Hinterhand Deines Hundes zu beurteilen, müssen wir ein kleines bisschen Anatomie „üben“ und wir brauchen zwei Ansichten: von der Seite und von hinten.

Betrachtung von der Seite:

Dazu muss er zunächst korrekt stehen. Dabei soll die Hinterhand so stehen, dass der Hund direkt von der Seite aufgenommen ist und der hintere Mittelfuß (ab dem Sprunggelenk nach unten!) genau senkrecht steht:

Natürlich ist je nach Rasse hier teilweise ein großer Unterschied GEWÜNSCHT!

Achtung: Natürlich wird der Hund hier „künstlich“ gestellt! Es gibt nicht sooo viele Hunde, die im freien Stand so ausbalanciert stehen- dennoch wäre diese Art zu stehen (frei) ein SEHR gutes Zeichen!
Im Laufe der Zeit stehen die Hunde oftmals nicht so und zeigen damit eventuelle Disbalancen, Blockaden, Verspannungen etc. an.

Dennoch kann nur in einem sauberen Stand eine gute Beurteilung erfolgen, mit einer kleinen „Ausnahme“:

Die sichelbeinartige Stellung des Mittfelfußes – dazu weiter unten!

Habt ihr diese Linie (gelb) gefunden, wird eine zweite Linie gezogen, die durch den Sitzbeinhöcker geht.

Diese sollte optimalerweise, direkt vor den Hinterpfoten verlaufen. (hier blau). Bei langhaarigen Hunden solltet ihr evtl. einen Punkt auf den Sitzbeinhöcker kleben, damit ihr sicher sein könnt, wo dieser sich befindet.


Aber Achtung: Auch bei steilen Hinterhandwinkelungen kann es dazu kommen, dass die blaue Linie zwar „korrekt“ zu verlaufen scheint, da sie vor den Hinterpfoten „landet“, zum Beispiel, wenn das Becken recht flach verläuft, und Knie UND Sprunggelenk sehr steil sind, oftmals kombiniert mit einem kurzen Unterschenkel.


Mit einer dritten Linie, die direkt am Ende der Lende verläuft, also vor dem Hüfthöcker, sehen wir dann die „Tiefe“ des Oberschenkels (inkl. Muskeln und Haut) – hier rosa

Außerdem sollte die Länge des Oberschenkels (von Hüftkopf zu Knie) und die Länge des Unterschenkels (Knie bis Sprunggelenk) mit betrachtet werden. Diese haben auf die Stabilität und Winkelung einen großen Einfluß.

Ausbalancierte Winkel bei recht stark abfallender Kruppe

Es gilt immer, den Hund als Gesamtes zu betrachten! Dennoch soll dieser Artikel eben EINEN Bereich des Körpers veranschaulichen und Euch helfen, zu verstehen!

Sollte Euch also einer der „abweichenden Bauweisen“ auffallen, muss das nicht zwangsläufig ein Problem zur Folge haben!

In diesem Artikel geht es dabei nur um die Biomechanik, die die jeweiligen Winkelungen oftmals zur Folge haben. Dabei spielen zwar immer auch die restlichen Körpereigenschaften (Beweglichkeit der Wirbelsäule, Rückenlänge, Länge der Lende, Vorderhandwinkelung, Beinlänge, Beinfreiheit, Halsansatz, Beckenwinkelung und -länge) auch eine Rolle, aber beginnen wir erst einmal mit einem Teil des Körpers 😉

Welche „Varianten“ gibt es nun?

  1. Eine sehr steile Winkelung:

Dabei landet die blaue Linie in oder sogar hinter den Hinterpfoten. Ein kleiner Vorteil: diese Hinterbeine, die bei manchen Rassen erwünscht sind, sind sehr „stabil“ zum STEHEN: sie wirken fast wie starke Säulen.

Die „Knicke“ zwischen Oberschenkel und Unterschenkel (= Kniewinkelung) und Unterschenkel und Mittelfuß (= Sprunggelenkswinkel) sind sehr flach und kaum deutlich sichtbar.

Für dieses schicke Exemplar seiner Rasse ist eine steile Hinterhandwinkelung erwünscht- keine Sporthunde!

Für die Antriebsdynamik allerdings ist das eher schwierig, da die „Federung“ nicht so gut möglich ist. Teilweise zeigen die Hunde durch die Stabilität je nach Beckenneigung noch eine gute Antriebskraft, aber für die Kraft zum Absprung benötigt der Hund eine gewisse „Federdynamik“, die besser funktioniert, wenn mehr Winkelung vorhanden ist.

Vor allem Hund im Randbereich der Mediumklasse mit steiler Hinterhand gehen immer ein hohes Risiko ein, da die Kraftübertragung sehr schwer möglich ist, was das Springen von einer Höhe, die über dem Widerrist liegt, extrem anstrengend macht.

Dieser „Effekt“ liegt nicht nur in der knöchernen „Grundsubstanz“ begründet, sondern auch darin, dass weniger „Fläche“ für Muskelansatz zur Verfügung steht. Da hilft auch gutes Krafttraining nur wenig…

Eine Problematik, die außerdem häufig auftritt, und zwar offensichtlich noch häufiger bei steiler Hinterhand, ist das

„KIPPBARE SPRUNGGELENK“

Dabei kann das Sprunggelenk mit dem Druck auf den Fersenbeinhöcker von hinten nach vorn „gekippt“ werden. Eigentlich soll ein Sprunggelenk in dieser Bewegung im Stand absolut stabil sein und NICHT „ausweichen“!

Ein solches kippbares Sprunggelenk stellt eine große Schwachstelle dar und kann mit höherer Wahrscheinlichkeit durch Belastung wie Rennen und Springen vorschnell Arthrosen ausbilden (eine Arthrose ist meist nur der Versuch des Körpers, eine mangelnde Stabilität auszugleichen!).

Züchter sollten unbedingt ihre Hunde auf diese Problematik untersuchen!!!

2. Eine zu große Winkelung („überwinkelt“)

Die Tendenz geht vor allem beim Schäferhund zu immer stärkeren Winkelungen, teilweise dazu mit abfallendem Becken. Aber auch beim Border Collie beobachte ich etwas beunruhigt die Tendenz, dass die Hunde zu stark gewinkelt sind.

Oftmals entsteht diese übermäßige Winkelung auch aus einem sehr stark verlängerten Unterschenkel, was die Balance des gesamten Körpers aus dem Gleichgewicht bringt.

Dies führt zwar zu einer offensichtlich weiteren Schrittlänge und starker „Federwirkung“- hoher Übersetzung, aber leider geht dies zu Lasten der Stabilität der Hinterhand!!!

Mangelnde Stabilität erhöht wieder in Belastung das Risiko für Arthrosen- auch wenn es für den Besitzer erstmal (vor allem die ersten Jahre) kein Problem bringt, im Gegenteil, oft hat der Hund eine gute Schnelligkeit und scheint schön zu springen. Dennoch geht über die Zeit dies zu Lasten der Gelenke…

Hier seht ihr deutlich, wie die blaue Linie weit vor der Pfote liegt! Bei windhundartigen ist dies recht häufig zu sehen…

Eine weitere Besonderheit, die oftmals mit einer überwinkelten Hinterhand zusammen auftritt, ist die Sichelbeinstellung.

Diese MUSS nicht immer gesundheitliche Folgen haben, aber sie KANN. Die normale Achsbelastung des Sprunggelenks ist hierbei verändert!

Dabei kann im gestellten Stand die Hinterhand noch sehr gut bis überwinkelt aussehen, aber im freien Stand ist es dem Hund nicht möglich, so zu stehen. Der Mittelfußknochen steht dann fast nie senkrecht zum Boden, sondern der Winkel im Sprunggelenk ist kleiner und der Mittelfuß damit „nach vorn versetzt“.

Der Mittelfuß steht nach vorn „verlagert“- sicherlich KÖNNTE man dies korrigieren, aber Hunde, die diese „Bauart“ haben, stellen sich „frei“ so wie hier auf.

Leider ist diese Problematik häufig auch noch mit einer extremen Kuhhessigkeit kombiniert. („X-Beine“), was die Instabilität der Hinterhand erhöht. Hiermit KANN ein höheres Risiko von Verschleißproblematiken bei Wiederkehrenden Belastungen einhergehen.

typische Sichelbeinstellung des Mittelfußes mit „überwinkelter“ Hinterhand

Kommen wir nun zu der Betrachtung von hinten:

Hier soll der Hund genauso stehen wie vorher, eine Hilfsperson soll dir nun ein Foto von hinten machen.

Beide Hinterbeine sollen möglichst parallel stehen, wir betrachten, wie die Linie zwischen Sitzbeinhöcker, Knie, Sprunggelenk und Pfoten verläuft.

Im Idealfall: gerade!

Etliche Hunde zeigen ab dem Sprunggelenk eine „Außendrehung“ oder „Innendrehung“, manche Rassen, vor allem die Bullterrier-artigen zeigen eine Achabweichung im Knie. („O-Beine“).

Jegliche Achsen-Abweichung bedeutet automatisch, dass die Gelenke nicht in ihrem dafür vorgesehenen, korrekten „Drehpunkt“ belastet werden, sondern einseitiger. Je nach Belastung und Bewegung kann es hier wieder früher oder später zu Verschleißproblematiken kommen. (Sprich: Arthrosen, Muskuläre Überlastungen, Bänder- und Sehnenprobleme)

Sichelbeinstellung und leichte Kuhhessigkeit in der Hinterhand
Milde Form von Kuhhessigkeit, älterer Sheltie, ohne Probleme im hohen Sport unterwegs!

Vor allem Züchtern soll dieser Artikel helfen, den eigenen Hund auch objektiv zu beobachten und auf ausreichende Stabilität UND Beweglichkeit zu achten, also möglichst ein Mittelmaß zu finden.

Nur, wer die Schwachstellen seines Hundes gut kennt, kann Rücksicht darauf nehmen und beim Züchten das Doppeln von Schwächen bei der Partnerwahl vermeiden!


Hier aufgrund vieler Nachfragen noch ein Nachwort zum Thema „künstliches Aufstellen“:

Sicherlich soll unterschieden werden, wie ein Hund „natürlich“ und „frei“ steht, und wie er „korrekt“ steht. Um jedoch, sein von der Natur nun einmal mitgegebenes Gebäude zu begutachten, muss er eben „symmetrisch“ stehen.

Da geht es dann rein um die Anatomie.

Eventuelle Dysbalancen, Verletzungen, Verspannungen, Verschleiß, Stimmungen usw. können natürlich den „freien“ Stand eines Hundes komplett anders aussehen lassen. Und JA , ein wirklich ausbalancierter Hund wird recht häufig von selbst parallel und korrekt stehen 😉

Dies ist und soll jedoch NICHT Thema dieses Artikeln sein, sondern wäre eher das Kapitel „welche Schonhaltungen gibt es und was kann dies zeigen“- was wohl eher ein Thema für medizinisches Fachpersonal ist.

Die funktionelle Anatomie des Körpers hat immer auch Folgen für die Bewegung, und wer sich viel damit auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass die im Stand gesehenen Dinge bestimmte Auswirkungen auf Bewegung hat.

Es heißt nicht umsonst „Form follows function“- womit auch diverse rassetypische (und oft erwünschte!) „Besonderheiten“ entstanden sind im Gebäude!